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Rheinische Post

Rund 300 Schulen in NRW sollen mehr Freiheiten bekommen

"Am Problem vorbei"

Dem bundesweit einmaligen Modellversuch "Selbstständige Schule" von Ministerin Gabriele Behler droht ein Fehlstart.

Von ANDREJ PRIBOSCHEK

DÜSSELDORF. "Den größten und tiefgreifendsten Modellversuch Deutschlands", so nennt die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) ihre Initiative unbescheiden. Und sie hat Recht. Das beispiellose Projekt "Selbstständige Schule" zielt auf nichts Geringeres als eine Revolution im Bildungswesen - Schulen sollen in eine weitgehende organisatorische und pädagogische Freiheit entlassen werden. Bis hin zu flexiblen Klassengrößen. Oder erweiterten Zeugnissen. Die Vorbereitungen für einen großangelegten Praxis-Test sind getroffen: Der Landtag verabschiedete unlängst die dafür notwendigen gesetzlichen Rahmenbedingungen; landesweit 411 Schulen und ihre Träger haben sich für eine Teilnahme angemeldet.

Dennoch droht dem ehrgeizigen Projekt ein Fehlstart. Denn ausgerechnet die Stadt Leverkusen, in der das laut Behler so erfolgreiche Vorläufer-Modell "Schule & Co." angesiedelt ist, will bei einer Ausweitung des Schulversuchs nicht mitziehen.

"Das Vorhaben geht am eigentlichen Problem vorbei", erklärt der Chef der mehrheitsbildenden CDU-Fraktion im Leverkusener Rat, Grundschul-Rektor Klaus Hupperth. Bei der TIMSS-Studie etwa (einem Aufsehen erregenden internationalen Vergleich von Schülerleistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften) nehme Deutschland einen "ganz unrühmlichen" Platz ein - was die Frage aufwerfe, wie hier zu Lande die Effizienz des Unterrichts gesteigert werden könne. Doch darauf gehe Behlers Bildungsprojekt nicht ein.

Im Gegenteil, die Arbeitsbedingungen würden sogar verschlechtert. So sei vorgesehen, Schulleitern die Verantwortung für die Einstellung von Pädagogen zu übertragen. Jeder Rektor müsse sich dafür mit immensem Aufwand qualifizieren. Am herrschenden Fachlehrermangel könne eine Schule allein aber gar nichts ändern. Personalhoheit hin oder her, Hauptschulen beispielsweise dürften auch künftig kaum Lehrer für Physik oder Chemie finden. "Und das Land wäscht dann seine Hände in Unschuld", prophezeit Hupperth.

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Sind denn die Erfahrungen in Leverkusen mit dem Vorläufer-Modell "Schule & Co." schlecht? "Nein", räumt der Kommunalpolitiker ein, "von den beteiligten Schulen hören wir immer nur: toll". Allerdings habe es bislang noch keinen Austausch gegeben, von dem andere Schulen in der Nachbarschaft hätten profitieren können. So sei seine CDU-Fraktion wenig geneigt, einen weiteren Versuch zu starten, bevor das Bildungsministerium den ersten abgeschlossen habe. Zumal damit Kosten verbunden wären, die die finanziell besonders gebeutelte Stadt Leverkusen nicht tragen könne.

Tatsächlich setzt Düsseldorf auf ein Engagement der Kommunen: Die müssen als Schulträger bereit sein, Aufgaben in die Schulen zu verlagern, ihre Verwaltungen also ein Stück weit umzubauen.

Was das Niederrhein-Städtchen Korschenbroich für seine größte Grundschule, die Andreas-Grundschule, durchaus gerne tun würde. Die möchte sich am Modellversuch beteiligen - darf aber nicht, obwohl der Rat das Projekt absegnete. Die Bezirksregierung Düsseldorf habe ihm schon im Vorfeld erklärt, dass eine Bewerbung keinen Sinn mache, berichtet Rektor Wolfgang Grüe. Er ist enttäuscht. "Wir hatten große Hoffnungen in das Modell gesetzt." Allerdings mochte keine der anderen Schulen im Stadtgebiet mitziehen. Nur eine Schule im Versuch? Zu wenig für eine Stadt, teilte die Bezirksregierung dem Schulleiter mit. Denn es gehe darum, in jeder der mitwirkenden Gemeinden einen Verbund von Modellschulen zu schaffen.

Doch in Wahrheit steckt etwas anderes dahinter: Das Bildungsministerium bremst. Behler will zunächst nur 300 "selbstständige Schulen" im Land, um die Kosten des Versuchs überschaubar zu halten (jede der teilnehmenden Schulen bekommt eine halbe Lehrer-Stelle zusätzlich). Pikanterweise hatte die Sozialdemokratin ihrer eigenen Landtagsfraktion zugesagt, die Teilnehmerzahl nicht zu begrenzen - das Versprechen rangen ihr die Genossen im Frühjahr ab, um eine möglichst breite Beteiligung sicherzustellen. Immerhin: Die ist (nach müdem Beginn der Bewerbungsrunde) mit den 411 vorliegenden Anmeldungen gewährleistet. Jetzt wird ausgesiebt, wer tatsächlich mitmachen darf.

Dennoch sieht der - ohnehin skeptische - NRW-Philologenverband das Wohl und Wehe des Versuchs von der symbolträchtigen Entscheidung in Leverkusen abhängig. "Wenn die Stadt ausschert, wäre dies ein Fanal für die Bewegung", sagt Sprecher Rolf Steuwe.

Das meint Gabriele Behler offenbar auch: Während für alle anderen Schulträger das Bewerbungsverfahren in der vergangenen Woche endete, bekam die Stadt Leverkusen Fristverlängerung, nachdem deren Schulausschuss eine Beteiligung abgelehnt hatte. Neuer Stichtag: 11. Dezember, der Termin der nächsten Ratssitzung.

© copyright Rheinische Post 2001

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