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Rheinische Post, 31.08.2001

In der Falle:

Arme Wohngegend, schlechte Schule

In den USA hängen Bildungschancen vor allem vom Einkommen der Eltern ab

Von RP-Korrespondent THOMAS SPANG

CLARKSDALE. In der „Clarksdale High School“ fehlt es weder an Geld noch an Lehrern. Es gibt eine gut bestückte Bibliothek, ein Sprachlabor, Fachräume für Biologie, Physik und Chemie, ein Musikzimmer und eine Sporthalle. Sogar eine spezielle Klasse für lernschwache Kinder ist vorhanden, die wie eine normale Wohnung eingerichtet ist. „Hier lernen die Kinder, im Alltag zu funktionieren“, erläutert Schulleiterin Olenza McBride die Idee. Jedes Kind, das die Schule verlässt, kann nicht nur lesen und schreiben, sondern weiß auch, wie Computer und Internet funktionieren. Besonders stolz ist die Schulleiterin auf die Videoklasse, in der Schüler via Breitbandkabel von Lehrern aus allen Teilen des Bundesstaates in Fächern unterrichtet werden, die die Schule selbst nicht anbieten kann.

Die Clarksdale High School ist in jeder Beziehung ein Vorzeigeobjekt. Satte acht Millionen Dollar ließ sich der Staat den Neubau kosten, in dem seit 1997 rund 500 Schüler unterrichtet werden. Mit demnächst 30 Lehrern kann die Schule Klassen von nicht viel mehr als 20 Kindern anbieten. Kein Wunder, dass Schulleiterin McBride „Testergebnisse weit über dem Durchschnitt in Mississippi“ vermelden kann. Was auch die neue Superintendentin des Schulbezirks, Dr. Wilma Wade, freut - obwohl sie weiß, dass die Clarksdale High eine Ausnahme in ihrem und den meisten der rund 15 000 Schulbezirke der USA ist. „Den öffentlichen Schulen fehlt es an Geld“, gibt sie unumwunden zu und spricht damit ein Problem an, dass sich schon am äußeren Zustand der übrigen Schulen ihres Bezirks leicht erkennen lässt. Statt glänzender Klinker bestimmt bröckelnder Putz das Bild.

„Unser Problem sind die laufenden Kosten“, klagt Wade, in deren Bezirk gerade einmal jeder Fünfte Steuern bezahlt und rund 40 Prozent aller Einwohner unter dem Armutsniveau (weniger als 14 600 Dollar Familien-Einkommen) leben. Entsprechend gering ist das Aufkommen aus der „Property Tax“, die auf Häuser und Grundstücke erhoben wird und aus der in den USA die Schulen zum größten Teil finanziert werden.

Viele Schulen in weniger begüterten Gegenden geraten so in die Armutsfalle. Die Gebäude zerfallen, modernes Unterrichtsmaterial kann nicht angeschafft werden, Lehrer wandern in besser zahlende Bezirke ab, und die Testresultate der Schüler werden schlechter. In der Folge sinkt der Wert der Häuser in der Umgebung, die Spirale dreht sich weiter abwärts.

Die von US-Präsident George W. Bush angestrebten Reformen in ärmeren Schulbezirken stoßen dennoch nicht gerade auf begeisterte Zustimmung - nach Ansicht von Superintendentin Wade gehen die Vorschläge am Problem vorbei. „Verantwortlichkeit der Schulen für ordentliche Lernresultate ist gut“, meint sie, „aber wir brauchen auch die Mittel, die Ergebnisse zu erreichen“. Bush hat dem US-Kongress vorgeschlagen, Schüler künftig bundeseinheitlich im dritten und im achten Schuljahr auf Mathematik und Lesen prüfen zu lassen. Schulen, die drei Jahre hintereinander unterdurchschnittlich abschneiden, sollen die Mittel gekürzt bekommen. Die Eltern der betroffenen Schüler bekämen dann einen Gutschein, mit dem sie das Schulgeld auf einer privaten Schule teilweise finanzieren könnten.

Schon heute schicken besser verdienende Eltern ihre Kinder zu Privatschulen, die meist von religiösen Organisationen unterhalten werden. Das Schulgeld beträgt auf Grundschulstufe im Durchschnitt um die 5000 Dollar pro Jahr, kann bei Eliteschulen aber auch schon einmal bis zu 20 000 Dollar ausmachen. „Ganz klar, dass diese Eltern kein Interesse daran haben, mehr 'Property Tax' für Schulen zu bezahlen, die von ihren Kindern nicht besucht werden“, erklärt Wilma Wade. Da von Armut in den USA überwiegend Angehörige von Minderheiten betroffen sind, hat die Krise der öffentlichen Schulen meist auch eine Farbe. In Clarksdale ist sie schwarz. So besuchen nicht einmal 15 Prozent der weißen Kinder die öffentlichen Schulen, während ihr Anteil an den vier Privatschulen bei 90 Prozent liegt.

Schließlich werben die privaten Schulen auch qualifizierte Lehrer ab, da sie oftmals bessere Gehälter bezahlen können. Die öffentlichen Schulen haben es dadurch noch schwerer, Akademiker zu finden, die bereit sind für 27 000 bis 50 000 Dollar Jahreseinkommen einen anstrengenden Job zu machen. Das Bildungsministerium in Washington prophezeit, dass im Jahr 2010 eine Million Lehrer fehlen werden.

[ © Rheinische Post, 31.08.2001 ]

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