NRZ v. 02.11.2001:
Behler ab sofort Metallerin
Bildungsministerin hatte nach 28 Jahren die Nase voll und trat aus der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aus. GEW reagiert mit scharfer Kritik an der "Eisernen Lady".
DÜSSELDORF. Das Tischtuch zwischen Gabriele Behler und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist zerrissen. Der Austritt der SPD-Schulministerin aus der GEW und ihr überraschender Wechsel zur IG Metall ist der vorläufige Höhepunkt einer Kette heftiger Konflikte. In der Lehrer-Gewerkschaft löste der Schritt gestern teils schroffe Reaktionen aus. "Mangel an Souveränität" warf GEW-Landeschef Jürgen Schmitter seiner Parteifreundin vor. "Auch ich ärgere mich häufig über meine Gewerkschaft, trete aber nicht gleich aus", meinte er zur NRZ.
Während er Behlers Abgang aber bedauerte, fuhr GEW-Landesvize Renate Boese schweres Geschütz auf. Sie nannte den Austritt "folgerichtig": Behler habe damit Anträgen auf einen Ausschluss aus der Gewerkschaft zuvorkommen wollen. In ihrer Funktion als Ministerin habe sie sich immer mehr von der GEW entfernt. Sie kenne den Schulalltag nicht mehr, so Boese, und habe Lehrer mehrfach öffentlich "diskreditiert".
Die Ministerin machte ihren Austritt aus der GEW, der sie 28 Jahre lang angehörte, während einer WDR-Fernsehrunde bekannt. Tags zuvor hatte sie eine Demonstration mit 7000 Lehrern in Düsseldorf als "Realitätsverlust" abgekanzelt.
Wenn die GEW trotz Landesausgaben von 2,2 Milliarden Mark und 6100 neuer Lehrerstellen bis 2005 am Weltspartag zu Protesten rufe, so Behler, "muss man das Ansehen der Lehrer gegen die weltfremde Larmoyanz der GEW schützen". Die GEW, bei der 41 000 Lehrer in NRW organisiert sind, vertrete "berufsständische Interessen", die den Schulen wenig nutzten.
Gerätselt wird, warum Behler in die IG Metall eintrat, deren Chef in NRW übrigens bis Mitte 2000 der designierte SPD-Landeschef Harald Schartau war. "Vielleicht muss man sie ja künftig als Eiserne Lady sehen", spottete Boese. Neu-Mitglied Behler lobte schon mal die IG Metall: sie sei modern, setze sich für Arbeitnehmer-Interessen ein und gehe Probleme undogmatisch an. "Da fühle ich mich einfach besser aufgehoben", sagte sie der NRZ.
Spannend ist die Frage, wie sich der Wechsel auf ihr Wahlergebnis beim SPD-Parteitag im Dezember auswirkt. Behler kandidiert erneut als stellvertretende Landeschefin. Zuletzt schnitt sie mäßig ab: 1998 erreichte sie nur enttäuschende 58,7 Prozent, im vergangenen Jahr 71,3 Prozent der Stimmen.
THEO SCHUMACHER