Modellvorhaben »Selbständige Schule NRW«   Schulentwicklung in der Diskussion      GEW Duisburg       E-Mail
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 Das öffentliche, demokratisch verfasste Bildungssystem steht auf dem Spiel:  

Links zu Bertelsmann-Stiftung/Bertelsmann AG
Presseartikel zu Kooperationsvertrag zwischen Bertelsmann-Stiftung und MSWF
Grafische Dartellung der wichtigsten Geschäftsbereiche der Bertelsmann AG

Die "Selbständige Schule" - Eine neue Form der Scheinselbständigkeit?

Bertelsmannstiftung/Bertelsmann AG um Einflussnahme auf das Schulsystem bemüht

In der Ausschreibung und der Projektbeschreibung des MSWF zum Modellvorhaben "Selbständige Schule" ist mehrfach von einem "externen Partner" die Rede, der im Rahmen der Projektsteuerung das Projektmanagement zusammen mit dem MSWF wahrnimmt (Seite 4 der gedruckten Projektbeschreibung bzw. hier, der im Beirat zwecks "Unterstützung und Beratung" vertreten ist, im Rahmen der "Unterstützung des Projektmanagements" Qualifikationsmaßnahmen zur Professionalisierung der Schulleitung, der innerschulischen Zusammenarbeit und zur Unterrichtsentwicklung" betreibt, zur Finanzierung des Projektes beiträgt (Seite 8) und -so steht es zu vermuten- über Zwischenevaluation und abschließender Evaluation (ohne dass bekannt ist, was und wie evaluiert wird) die 'Endabnahme' vornimmt.

Seit dem 22. 8. 2001 ist der "externe Partner" bekannt geworden: die Bertelsmann-Stiftung. Mit einem Kooperationsvertrag zwischen dem MSWF und der Stiftung hat das Behler-Ministerium einer privatwirtschaftlichen Einrichtung ein beachtliches Feld für Einflussnahmen auf das öffentliche Bildungswesen bereitet. Dieser Vertrag ist ein weiterer wichtiger Schritt für das (nicht börsennotierte) Unternehmen Bertelsmann AG die staatliche Bildungspolitik dieser Republik nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen, nach bereits erfolgten Initiativen wie dem "Netzwerk innovativer Schulen" und anderen Maßnahmen im kommunalen und regionalen Umfeld.

Vor wenigen Monaten konnte der Broschüre "Bildung gestalten-Selbsständige Schule NRW" (Achtung: lange Ladezeit, da umfangreiches pdf-Dokument), gemeinsam herausgegeben vom MSWF und der Bertelsmann Stiftung, entnommen werden, dass die Bertelsmann Stiftung sogar die Projektleitung erhalten hat und das Projektbüro finanziert. Wie umfassend die Stiftung über die Projektleitung das Modellvorhaben kontrollieren kann, verdeutlichen folgende Passagen in der Broschüre: "Das MSWF und die Bertelsmann Stiftung bestellen einvernehmlich für die Aufgaben der Projektleitung eine Mitarbeiterin bzw. einen Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung. Die Verantwortlichkeit der Projektleitung umfasst die Durchführung des Projektes nach Maßgabe der Projektbeschreibung, des Kooperationsvertrages und der Rahmenvorgaben des Projektvorstandes, die Koordination und Unterstützung der regionalen Steuergruppen, die Kooperation mit der externen Evaluation, das Controlling des Projektes, die Dokumentation des Projektverlaufs und der Ergebnisse sowie die Leitung des Projektbüros. Die Projektleitung und das Projektbüro nehmen ihre Arbeit spätestens zum Jahresbeginn 2002 auf. Die Öffentlichkeitsarbeit des Modellprojektes erfolgt durch die Projektleitung im Einvernehmen mit dem MSWF und in enger Abstimmung mit der Bertelsmann Stiftung und den Regionen." (S. 33)

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat bereits in ihrer Ausgabe vom 16. 9. 1999 zu derartigen Aktivitäten spitz formuliert: "Mancher Schulreformer fühlt sich mittlerweile wie in der Fabel von Hase und Igel: Wo immer man nach neuen Ansätzen im Bildungsbereich sucht, Bertelsmann ist schon da." Auch wenn der Artikel den diese Entwicklung begrüßenden Vorstellungen des damaligen Stiftungsvorsitzenden Reinhard Mohn die größte Aufmerksamkeit gewidmet hat - ein gewisses Unbehagen bleibt: "Das ruft nicht nur Begeisterung hervor. Vielen jagt es eher Angst ein. Schulen in Deutschland sind traditionell staatlich geführt und damit vor privaten Eigeninteressen geschützt. Doch nun bemächtigt sich eine private Initiative des Bildungsbereichs. Eine Institution, mit deren Namen viele zunächst nur den Medienkonzern assoziieren, hat die Rolle des heimlichen Schulministeriums übernommen. Fällt die Schulfreiheit dem Einfluß der "Mohn-Sekte" zum Opfer?"

Mit dieser Fragestellung ist ein wesentlicher Aspekt der gegenwärtigen bildungspolitischen Diskussion auf die Tagesordnung gesetzt worden. Staatliche Bildungs- und Schulpolitik findet in einem demokratisch verfassten Rahmen statt, gewählte Politiker sind einer Legislative, der Verfassung und dem politischen Souverän, sprich dem Volk eines Landes bzw. Bundeslandes, verantwortlich. Wer aber hat die Kontrolle über eine Bildungspolitik, wenn sie von nicht-staatlichen Einrichtungen betrieben wird, die sich als bedeutsame Wirtschaftsunternehmen zwangsläufig nach wirtschaftlichen Maßstäben orientieren und selbst entgegen allen denkbaren Beteuerungen nun mal nicht im vergleichbaren Maße dem Gemeinwohl verpflichtet sind?

Diese Fragen stehen m. E. spätestens seit dem Bekanntwerden des mit dem MSWF abgeschlossenen Kooperationsvertrages in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Diskussion um Sinn und Zweck des Modellvorhabens "Selbständige Schule".

Mit der im Anschluss an den Text über den Abschluss des (übrigens bisher der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemachten) Kooperationsvertrages aufgeführten (unkommentierten) Sammlung einiger Links kann der interessierte Leser sich einen recht umfassenden Überblick über den zur Zeit bereits heftig umstrittenen Einfluss des Bertelsmann-Konzerns auf die Bildungspolitik des Landes verschaffen.

Einige Links führen zu Seiten, die sich kritisch mit der Firmengeschichte und der Geschäftspolitik des mittlerweile zum Weltkonzern gewordenen Unternehmens befassen.

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Bekanntmachung des bisher nicht veröffentlichten Kooperationsvertrages zwischen Bertelsmann-Stiftung und MSWF

Düsseldorf/Gütersloh, 22. August 2001
Bildungsministerium und Bertelsmann Stiftung unterzeichneten Kooperationsvertrag / Schulträger können sich ab jetzt mit ihren Schulen für Modellprojekt bewerben
Ministerin Behler gibt Startschuss für die “Selbstständige Schule”

Mit der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages gaben Bildungsministerin Gabriele Behler und Dr. Gunter Thielen, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bertelsmann Stiftung, heute den Startschuss für das Modellprojekt “Selbst­ständige Schule”. Gleichzeitig beginnt die Bewerbungsfrist für Schulträger und Schulen, die sich am Projekt beteiligen möchten. Rund 300 Schulen können Freiheiten beim Einsatz von Personal, bei der Verwendung der Sachmittel, bei der Unterrichtsgestaltung und der schulinternen Mitwirkung erproben.

“Wir lassen den Ideen nun Taten folgen”, sagte Bildungsministerin Behler. “Wir wollen den Schulen mehr Freiheiten, mehr Eigenverantwortung und Kompetenz geben - mit dem Ziel, die Unterrichtsqualität weiter zu verbessern. Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleiter sollen die Möglichkeit erhalten, gemeinsam ein Haus des Lernens aufzubauen. Entscheidungen sollen dort getroffen werden, wo sie sich auswirken, in der Schule selbst.”

Mit der Bertelsmann Stiftung wurde für das Vorhaben ein starker und in der Schulentwick­lung erfahrener Partner gefunden. “Ich freue mich, dass nun weitere Regionen in NRW von unseren Erkenntnissen aus früheren Modellprojekten profitieren können”, sagte Dr. Gunter Thielen von der Bertelsmann Stiftung. “Eines der wichtigen Resultate unserer bisherigen Arbeit ist, dass sich Unterricht und Schulmanagement am wirkungsvollsten verbessern lassen, wenn die Schulen eng mit den Kommunen zusammen arbeiten und von ihnen unterstützt werden.”

Das Bildungsministerium stellt für das Modellprojekt ab 2002 jährlich einen Innovationsfonds von rund 3 Millionen Mark zur Verfügung. Dieses Geld wird in der Anlaufphase für Qualifizierungsmaßnahmen für Schulleiter und Lehrer und für den Aufbau regionaler Unterstützungsstrukturen verwendet. Außerdem bekommt jede Modellschule zusätzlich eine halbe Lehrerstelle, was einer Investition von rund 15 Millionen Mark entspricht. Die Bertelsmann Stiftung unterstützt das Projekt mit jährlich einer Million Mark, die vor allem in die Finanzierung der Projektleitung fließt.

Der Kooperationsvertrag sieht vor, dass Bildungsministerium und Bertelsmann Stiftung gemeinsam das Projektmanagement wahrnehmen, das die Koordination des Modellvorhabens übernimmt. Dem Projektmanagement wird ein Beirat zur Seite gestellt, dem unter anderem auch Vertreter der Landtagsfraktionen, der kommunalen Spitzenverbände, der Lehrer- und Elternverbände und der Landesschülervertretung angehören.

Ab sofort können sich Schulträger mit ihren Schulen für das Modellvorhaben bewerben. Be­werbungsschluss ist der 15.11.2001. Das Modellprojekt hat eine Laufzeit von sechs Jahren. Innerhalb der ersten zwei Jahre werden Schulleiter und Lehrer intensiv auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet. Sie nehmen an Qualifizierungsmaßnahmen zur Unterrichtsentwicklung und schulinternem Management teil. Unterstützt werden sie dabei von den Regionen und Schulen, die bereits am Projekt “Schule & Co” teilnehmen und dort erste Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gesammelt haben.

Das Modellvorhaben wird während der gesamten Laufzeit extern evaluiert. Eine Zwischenevaluation findet nach drei Jahren statt. Positive Erfahrungen mit bestimmten Elementen sollen so schon vor Ablauf des Projekts allen anderen nordrhein-westfälischen Schulen zugute kommen, damit auch sie so bald wie möglich von dem Projekt profitieren können.



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Links:
Web-Seiten zur Bertelsmann-Stiftung und/bzw. Bildungspolitik:

Zukunft gewinnen - Bildung erneuern "Der Initiativkreis Bildung der Bertelsmann Stiftung hat dem Bundespräsidenten und der Öffentlichkeit am 13. April 1999 ein Memorandum mit dem Titel "Zukunft gewinnen - Bildung erneuern" übergeben."
Der Fahrplan? - Bildungspolitische Essentials der Bertelsmann-Stiftung
Leider führt der Link zur Zeit ins Leere; das Dokument ist vom Netz genommen worden.

"Menschlichkeit ist effizient"
Untertitel: Reinhard Mohn krempelt das deutsche Bildungssystem um. Die Geschichte einer Passion
Ein Zeit-Artikel über Reinhard Mohn und seine Vorstellungen

Ingrid Lohmann: When Lisa becomes suspicious
Untertitel: Erziehungswissenschaft und die Kommerzialisierung von Bildung

Harald Klausnitzer: Privatisierung im Bildungswesen?
HLZ (Zeitschrift der GEW Hessen für Erziehung, Bildung, Forschung), Ausgabe 9/2000, Titelthema: Globalisierung

Ingrid Lohmann: Steter Tropfen höhlt den Stein
Untertitel: Die öffentlichen Bildungssysteme werden abgeschafft
In: Pädagogik 53 (2001) 7-8, Schwerpunktthema Privatisierung, S. 48ff.

Martin Bennhold: "Private Berater" – Private Weichensteller mit Medien- und Konzern-Interessen
Funktionen des Centrums für Hochschulentwicklung / CHE (Gütersloh) und des größten deutschen Medienkonzerns in den gegenwärtigen Hochschulstrukturdebatten

Ingrid Lohmann: After Neoliberalism
Untertitel: Können nationalstaatliche Bildungssysteme den 'freien Markt' überleben?

"Reiche Medien - Arme Demokratie"
Beitrag von Ministerpräsidentin Heide Simonis in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung

Günter Frech: Der Bewusstseinsriese
"Europas mächtigstes Medienunternehmen ist so groß, dass es sich am liebsten ganz klein macht" schrieb im Sommer 1999 "Der Spiegel" über Bertelsmann. Über den Daumen gepeilt gehören zum Konzern etwa 100 Zeitungs- und Zeitschriftentitel, 25 Verlage, ein gutes Dutzend Druckereien, 22 Fernseh- und 18 Radiostationen.

Artikelserie zur Schulreformdiskussion aus DIE ZEIT

Editorial: Gebt der Schule eine Chance (Sabine Etzold)
1. Zeugnis für die Schule (Unternehmensberater in der Schule - Hamburg)
2. Lehrer lernen lehren (Herford - Klippert)
3. Die Agenten des Wandels (Kanada)
4. Wenn der Inspektor kommt (Schottland)
5a. "Menschlichkeit ist effizient" (Reinhard Mohn)
5b. Die Schule als Nabel der Stadt (Holland)
6. Schulreform ist machbar (Sabine Etzold)
7. Die Volksreform (Dänemark)




Webseiten zum Unternehmen Bertelsmann/Bertelsmann-Stiftung:

www.bertelsmann-stiftung.de
Die Seiten des 'externen Partners'

www.bertelsmann.de
Web-Seite der Bertelsmann AG, (noch) nicht börsennotierte AG, praktisch im Besitz der Bertelsmann-Stiftung bzw. Fam. Reinhard Mohn

KONZERNE: Revolution in Gütersloh (leider mittlerweile kostenpflichtig)
Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2001



Webseiten zur Geschichte des Unternehmens:

www.uhkommission.de
Unabhängige Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich
Leider führt der Link zur Zeit ins Leere; das Dokument ist vom Netz genommen worden.

die tageszeitung vom 08.10.2002: Braune Bibeln aus Gütersloh (von Steffen Grimberg)

Neue Zürcher Zeitung, Montag, 08.03.1999 Nr. 55 27
Feldpost von Bertelsmann: Die Editionspraxis des Gütersloher Verlags im Dritten Reich

Monitor v. 25. 02. 1999 Manuskript der Monitor-Sendung des WDR (25. 2. 1999)

Tomas Fitzel: Die Reinigung des Gedächtnisses
PAPIERSCHIEBEREIEN: Die Unabhängige Historische Kommission erforscht die Bertelsmann Firmengeschichte, (Freitag v. 18. 8. 2000)


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