Nach der Wahl: Alles beim Alten?
Wir werden sehen...
Täglich erfährt die staunende Öffentlichkeit von der neuen rot-grünen Regierung, mit welchen Nettigkeiten sie sich auf ihre Art bei den Wählern für "das entgegengebrachte Vertrauen" bedanken will. Die Brutaltät der Hartz-Attacken zeichnet sich immehr ab und Pläne hinsichtlich der Gründung neuer Einnahmequellen (Stichwort Gassteuer), einer drastischen Senkung der Sparerfreibeträge oder der Entfernungspauschale für Berufspendler als "Abschaffung von Steuerbegünstigungen") haben Hochkonjunktur. Auch in dem hier primär interessierenden Bildungsbereich stehen alle Zeichen auf Fortsetzung und Verschärfung der neoliberalen Crash-Tour.
Die hier zusammengetragenen Artikel, Texte und Verweise auf Dokumente zeigen, dass noch viele Anstrengungen erforderlich sind, wenn dem Prozess der mehr oder weniger verdeckten Transformierung von öffentlicher Schulbildung, Studium, Aus- und Weiterbildung in einen dem Profitinteresse von Konzernen untergeordneten Bildungsmarkt wirkungsvoll etwas entgegengesetzt werden soll.
PISA und andere Test-Orgien: Wettbewerbsorientierung und Konkurrenzdenken als Normalzustand
Es ist erfreulich, wenn in dem bemühten PISA-Rummel zunehmend kritische Stimmen zu hören sind, die denen alles andere als in den Kram passen dürften, die auch via PISA das öffentliche Bildungssystem für die Markteroberung sturmreif machen wollen (siehe: kritische Artikel zur vorherrschenden PISA-Rezeption). Dokumente, die sowohl die Untersuchungsziele als auch die Methoden kritisch beleuchten, sind da von großem Wert. Ausdrücklich sei z. B. auf den Artikel von J. Klausenitzer " PISA - einige offene Fragen zur OECD Bildungspolitik" hingewiesen, der Material über die mit PISA verbundenen ökonomischen Interessen der OECD zusammengetragen hat und Kernaspekte einer gewerkschaftlichen Strategie zu den PISA-Ergebnissen aufzeigt; dies ist nicht zuletzt angesichts der von ausgeprägter Vertrauensseligkeit gekennzeichneten Haltung der GEW-Vorsitzenden Stange von Bedeutung, die in einem "PISA für Lehrer" merkwürdigerweise Chancen für die Professionalitätsentwicklung erkennen will.
Weitere Artikel:
- Ein neuer Bildungsnotstand nach "PISA": Sind die Deutschen zu blöd?)
- Immer Ärger mit dem "Humankapital" der Nation. Die PISA-Studie - Was für ein Schock!
- Dieter Keiner: Neue deutsche Bildungskatastrophe? Zur Kontinuität definitiver Schieflagen in den kulturellen Verhältnissen der BRD - Anmerkungen zur PISA-Studie
Studiengebühren
Die Auseinandersetzung um die Studiengebühren an den Hochschulen des Landes geht in die nächste Runde. Nachdem immer mehr Bundesländer der NRW-Sprachregelung folgen, wonach Studienkonten als verdeckte Form der Erhebung von Studiengebühren der Königsweg seien, das gebührenfreie Erststudium zu garantieren, bereiten sich die Studierenden nach der vorlesungs- und seminarfreien Zeit auf die Fortsetzung ihrer Sommeraktionen in den kommenden Wochen vor. Wohin in Sachen Studiengebühren die Reise in Wirklichkeit gehen soll, zeigt ein Artikel von Olaf Bartz: Kapital-Hochschule
Aktionsvorbereitungen an der TU München über die bereits recht weit fortgeschrittenen Pläne der Münchener Hochschule und des von der Bertelsmann-Stiftung ins Leben gerufenen CHE (Centrum für Hochschulentwicklung).
Weitere Artikel:
- Klemens Himpele: Modernes Bildungsprivileg, Verknappung von Bildung durch Bildungsgutscheine
- Torsten Bultmann: Studiengebühren für Kindergärten?
- RWTH Aachen: AStA-Informationen zu den Studiengebühren
- Horst Eberlein: NRW-Studiengebühren verfassungswidrig
Kontrastprogramm gefällig? Hier ein Artikel aus Zeiten, als es in SPD noch aktive Persönlichkeiten gab, die was mit dem 'S' anzufangen wussten und den Bertelsmännern Widerworte zu geben sich noch getraut hatten:
Die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD) legt elf Thesen für ein Studium ohne Studiengebühren vor
GATS
In Sachen GATS wird immer deutlicher, dass die Bundesregierung mit verdeckten Karten spielt und ihre wahren Aktivitäten verschweigt; der Bundestag wird gar nicht bis kleckerhaft informiert, während die Lobbyistenvereinigung "European Services Forum", zu der auch natürlich der Kooperationspartner des MSWF, Bertelsmann, gehört, bestens mit Informationen versorgt wird. Bekämen nicht unabhängige GATS-kritische Organisationen wie "gatswatch" hin und wieder aus undichten Quellen Informationen zugespielt, sähe es noch finsterer aus.
Im Gegensatz zu manch anderen steht für die Hamburger Professorin Ingrid Lohmann fest, dass der Umbau der öffentlichen Bildungseinrichtungen längst stattfindet und ein Fit-Machen für die durch GATS geprägte Zukunft hohe Priorität hat. Ihren Standpunkt hat sie in einem Beitrag mit dem Titel "Bildung - Ware oder öffentliches Gut? Auswirkungen des General Agreement on Trade in Services (GATS) auf den Bildungsbereich" während der diesjährigen GEW-Sommerschule in verdeutlicht.
Überhaupt lohnt eine Beschäftigung mit den Beiträgen dieser Veranstaltung der GEW-Bund; ganz besonders sei der Beitrag von Prof. Scherrer (Kassel) erwähnt, der als PDF-Dokument zum Download bereit gehalten wird.
Modellvorhaben in Sachen Schein-Selbstständigkeit
Ach ja, fast schon ein wenig aus dem Focus geraten, das "Modellvorhaben Selbstständige Schule NRW". Um das für die Neuausrichtung des Schulsystems so überaus wichtige Projekt, das der Bertelsmann-Konzern unter Zuhilfenahme der exekutiven Möglichkeiten des Düsseldorfer Ministeriums eingestielt hat, ist es derzeit etwas schweigsamer geworden. Der statistischen Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass offiziell nur noch 237 Schulen dabei sind.
Am 30. 10. 02 fand statt in Gütersloh in Düsseldorf eine öffentliche Startschussfeier mit Frau Ministerin statt. Reichlich unverblümt wird in der Presseerklärung des MSWF vom 30. 10. 2002 betont, dass es dem Mediengiganten mit dem Modellvorhaben um einen Beitrag geht, der der "Wirtschaft" den Zugriff auf die Bildungseinrichtungen verbessert: "Neben einer größeren Selbstständigkeit sieht die Bertelsmann Stiftung die systematische Einbettung von Schulen in regionale Bildungslandschaften als wichtigstes Ziel der gemeinsamen Reforminitiative mit dem Bildungsministerium des Landes. "Durch eine engere Kooperation mit externen Partnern wie kommunalen Einrichtungen oder Unternehmen vor Ort kann der Unterricht weiter verbessert werden", sagte Professor Heribert Meffert." Meffert ist der bei dem in letzter Zeit forcierten Stühlerücken in der Bertelsmann-Stiftung derzeitige Inhaber des Stiftungsvorsitzenden.
Im ersten Jahr sollen schwerpunktmäßig die Schulleitungen und die innerschulischen Steuergruppen von der Unternehmensberatungsfirma "Dyrda und Partner" das für pädagogische Einrichtungen offenbar unverzichtbare Manager-Know-How vermittelt bekommen. Schließlich muss gewährleistet sein, dass sich die Köpfe in die Richtung drehen, aus der das Geld erwartet wird.
Aber wen wundert so was eigentlich noch?
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