Rheinische Post, Ausgabe Solingen, 19. 11. 2001
Lehrer an der Frustgrenze
(RP). Lehrer haben einen Job wie Fußballtrainer. Sie genießen Privilegien. Läuft es gut, applaudieren alle. Hakt es, sind sie schnell für alles verantwortlich und werden zum Sündenbock. Ein echter Nervenjob. Derzeit ist der Frust besonders groß.
Von GÜNTER TEWES
Drei Monate Ferien im Jahr, mittags schulfrei - Daniela Engels, Friederike Scherler, Antje Koch, Angelika Muscutt, Hermann Grafmüller, Klaus Bailly und Mark Niederhagen wissen, dass andere ihre Arbeit mit viel Freizeit verbinden. "Das sind unausrottbare Vorurteile", bedauern die Lehrer am Gymnasium Vogelsang im Gespräch mit der Morgenpost. Sie erleben eine ganz andere Wirklichkeit mit Zeugniskonferenzen, Unterrichtsvorbereitungen bis hin zu den aufwändigen Abiturarbeiten.
"Ein Großteil unserer Arbeit sieht die Öffentlichkeit nicht." Dies empfinden die Pädagogen auf der einen Seite als Privileg, weil sie sich ihre Arbeitszeit mitunter frei einteilen können. Andererseits bedeute das aber saftige Überstunden. Arbeitszeitgutachten sprechen von einer 50-Stundenwoche bei Lehrern im Durchschnitt.
"Wenn ich Samstag und Sonntag korrigiert habe, höre ich: Lehrer hätten so viel Urlaub. Dann kriege ich die Wut!" Hermann Grafmüller ärgert die permanente Abwertung seines Berufs. Mit Latein und Englisch unterrichtet er zwei Korrekturfächer. Bitter ist aus Sicht von Daniela Engels, dass Politiker und sogar die eigene Behörde die Arbeit abwerten. Das treffe die ganze Schule. "So kann Lernen nicht funktionieren." Der Appell: "Die Gesellschaft muss dahinter stehen, was und wie Kindern vermittelt wird."
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte unlängst ihre landesweit 44 000 Mitglieder zur Demonstration gegen die Bildungsmisere in NRW aufgerufen. Ein Drittel des Kollegiums vom Vogelsang hatte bei Ministerin Behler in Düsseldorf mitprotestiert "Die meisten sind seit 20 Jahren nicht mehr auf einer Demonstration gewesen", so Rektor Klaus Bailly.
Er und seine Kollegen schätzen das größere Repertoire an Unterrichtsmedien und Methoden. Was sie frustriert ist, dass diese Weiterentwicklung der Schule auf dem Rücken des Lehrers betrieben wird. "Es wird immer mehr draufgepackt. Woher die Zeit kommen soll, wird nicht gesagt." Computerräume, eine gut geführte Bibliothek und eine naturwissenschaftliche Sammlung, die aus mehr als aus einigen ausgestopften Eulen bestehe - all das werde von Schule heute erwartet und müsse beschafft und gepflegt werden.
Klaus Bailly fordert eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. "Ein Bildungssystem, dass an der Spitze der Welt stehen soll, ist nicht zum Aldi-Preis zu bekommen." Aus Sicht der Lehrer würden kleinere Klassen schon helfen. "Dann wäre das Problem erst einmal entschärft." Wünschen würden sie sich wieder Klassen mit 25 Kindern. Das war übrigens in den 80er Jahren einmal die Richtschnur. Dann kam der Schülerberg und per Erlass vom Ministerium wurde aufgestockt. Im Gymnasium Vogelsang hat heute jede Klasse 5 bis 10 im Schnitt 29 Kinder. An anderen Schulen sieht das ganz ähnlich aus.
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