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Neoliberal in die neue Klassengesellschaft?

Tradition und Ideologie des „lebenslangen Lernens"

gelesenen auf der Seite von:
prekär, Ausgabe Nr. 2

Karl Georg Zinn

Bildung und Bildungspolitik sind Teile des gesellschaftlichen Ganzen, und dieses wurde und wird seit der kapitalistischen Revolution, die meist als industrielle bezeichnet wird, von der Ökonomie bestimmt. Die jüngste Ausrichtung des Bildungswesens auf die ökonomischen Interessen, was von interessierter Seite als unabwendbares Erfordernis ausgegeben wird, ist nicht prinzipiell neu, sondern folgt „nur" den wieder veränderten Entwicklungstendenzen des Kapitalismus.

Der Verkauf der Ware Arbeitskraft leidet seit mehr als zwei Jahrzehnten wieder unter einem krisenbedingten Angebotsüberhang, und deshalb sinkt der Preis und die Ankaufskonditionen verschlechtern sich. Anders ausgedrückt: Mit der Wiederkehr der Massenarbeitslosigkeit in die entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften haben sich die Verteilungsverhältnisse erneut zu Ungunsten der abhängig Beschäftigten entwickelt. Unter solchen Umständen nimmt der Selektionsdruck erneut zu. Die Menschen werden aussortiert, und „Bildung" gewinnt als Auslesekriterium wieder größeres Gewicht.

Nicht selten kommt es dabei gar nicht auf die spezifischen Qualifikationsinhalte, an, sondern allein auf den Ausweis, überhaupt einen Abschluss erreicht, sozusagen eine Durststrecke absolviert zu haben. Denn den spezifischen Anforderungen vieler Arbeitsplätze wird ohnehin erst nach zusätzlichen Schulungen und betrieblicher Einarbeitung entsprochen. Die Ausbildung nach der Ausbildung, also was jüngst als „vierter Bildungssektor" bezeichnet wird, hat für die Arbeitgeber zudem den Vorteil, dass hierbei eine Konzentration auf betrieblich verwertbares Wissen und anpassungsfähige Geschmeidigkeit im Arbeitnehmerverhalten in einem Maße zu erreichen ist, das im allgemeinen Bildungssystem (noch) nicht üblich wurde.


Alte Krise und neues Heil

Die Krisen des Kapitalismus sind nichts Neues, und neu ist auch nicht das jüngste Aufblühen der ideologischen Beschönigung der Verhältnisse und die Rechtfertigung ihrer inhumanen Erscheinungen als vermeintliche Folge „eherner" Gesetzmäßigkeiten des Marktes. Der Neoliberalismus unterscheidet sich denn auch nicht prinzipiell von früheren Legitimationslehren des Kapitalismus. Der Markt als Allheilmittel und selbstoptimierender Automatismus leite in die beste aller Welten, wenn sich nur alle Verkäufer von Arbeitskraft brav anpassen, die Unbilden der Konkurrenz hinnähmen, der Staat auf sozialpolitische Eingriffe und interventionistische „Experimente" verzichte und jeder voller Marktvertrauen sich zu einem - wenigstens - kleinen Unternehmer individualisiere.

Verändert hat sich also kaum der Inhalt der quasi-religiösen Botschaft von der Heilswirkung des Marktes, sondern allenfalls haben sich die rhetorischen Formeln etwas gewandelt. Zwei Sachverhalte begünstigen jedoch gegenwärtig die Ausbreitung und Suggestionswirkung des Neoliberalismus. Erstens verfügt er über einen historisch einmaligen Propagandaapparat, denn die große Masse der Massenkommunikationsmittel und der Telekommunikationssysteme sind in kapitalistischen Händen. Zweitens fehlt gegenwärtig eine ideologische Gegenposition, wie sie in der weiter zurückliegenden Vergangenheit von sozialistischen, sozialdemokratischen, christlich-sozialen und anderen Teilen der sozialen bzw. der Arbeiterbewegung mit Standhaftigkeit und Überzeugungskraft vertreten wurde. Heute haben sich hingegen große Teile der früheren Linken von der neoliberalistischen Weltdeutung vereinnahmen lassen. Den traditionellen Werten der sozialen Bewegung werden ab und zu noch Lippenbekenntnisse gezollt, aber es fehlt doch der Glaube an die Botschaft. Die eine oder andere politische Maßnahme mag sogar noch von dem alten Impetus emanzipatorischen Denkens bestimmt sein, und auch in der Kleinarbeit von Verwaltungen - insbesondere in den Kommunen - finden sich nicht zu verachtende Restbestände sozialdemokratischen und christlich-sozialen Engagements für die vom Kapitalismus Gebeutelten, aber die Generallinie verläuft in andere Richtung. Die „Generäle" des politischen Systems haben sich mit dem Neoliberalismus arrangiert - zumindest. Die Arbeitsteilung zwischen ökonomischer und politischer Machtelite funktioniert fast perfekt. Welche Öffentlichkeit ist da noch in der Lage, kritisch zu fragen, wer denn die Marschparole ausgibt.


Lebenslang oder lebenslänglich?

Die inzwischen zur Allerweltsmeinung avancierte Vorstellung vom lebenslangen Lernen kann sich vor allem auf zwei empirische Sachverhalte stützen. Erstens stellt ein Qualifikationsmangel - konkret: fehlende Berufsausbildung - einen herausragenden Risikofaktor für Arbeitslosigkeit dar. Zweitens erfordert der technische und organisatorische Wandel auch nach Abschluss einer Berufsausbildung weitere Qualifizierungen. Jedoch handelt es sich bei diesen Sachverhalten nicht um völlig neue Erscheinungen, sondern spätestens seit der ersten industriellen Revolution vor etwa 200 Jahren wurde von einer steigenden Zahl von Arbeitskräften eine laufende Erweiterung ihres beruflichen Wissens und ihrer Fähigkeiten verlangt. Es mag sein, dass sich dieser Trend in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt hat, aber es handelt sich eben um einen langfristigen Trend. Welcher Facharbeiter, Ingenieur, Arzt usw. hätte nicht auch schon vor 30, 50 oder 100 Jahren im Verlauf seines Berufslebens erheblich dazulernen müssen? Lebenslanges Lernen, das über die relativ beschränkte berufliche Verwertung hinaus reicht oder ohnehin jenseits ihrer Grenzen liegt - dann allerdings als „Freizeitbeschäftigung„ deklariert -, ist ebenfalls kein Novum. Ja es handelte sich zumindest bei den „gebildeten„ Schichten um ein gesellschaftliches Erfordernis. Unter anderem zeugt doch die nicht gerade junge Geschichte der Volkshochschulen von den Fortbildungsbedürfnissen und -aktivitäten auch in der weiter zurückliegenden Vergangenheit. Auch betriebliche und gewerkschaftliche Fort- bzw. Weiterbildung sind doch längst traditionelle Praktiken.

Warum also der manches Mal bis zur Zukunftshysterie gesteigerte Ruf nach „lebenslangem Lernen"? Was ist das eigentlich Neue und Besondere in der aktuellen Weiterbildungsdebatte? Drei Momente fallen auf. Erstens geht es ausschließlich um Weiterbildung im Rahmen beruflicher Verwertbarkeit. Zweitens wird die Forderung, sich auf lebenslanges Lernen einzustellen, vorwiegend von denjenigen geltend gemacht, die mit „Bildung" keineswegs das emanzipatorische, aufklärerische Konzept der Persönlichkeitsentwicklung und demokratischer Kritikfähigkeit verbinden, sondern die ökonomische Funktionstüchtigkeit des Produktionsfaktors Mensch im Blick haben. Drittens geht die Lernforderung einher mit einer Lasten- und Kostenverschiebung beim finanziellen und zeitlichen Aufwand. Auf der Linie von Deregulierung und Privatisierung wird dem Einzelnen mehr und mehr aufgebürdet. Das Individuum soll lebenslänglich als Rädchen ins kapitalistische Getriebe passen, wie immer dieses Getriebe neu- und umkonstruiert wird.

Die Bildungskosten werden immer stärker individualisiert, was rhetorisch als Freiheitsgewinn, höhere Selbstverantwortung und mehr Eigeninitiative propagiert wird. Faktisch werden jedoch durch den erhöhten beruflichen Verwertungsdruck beim lebenslangen Lernen Freiheit, Selbstverantwortung und Eigeninitiative erheblich eingeschränkt. Denn es bleiben weniger Zeit und Geld sich mit jenen wirklich frei gewählten Bildungsinhalten zu befassen, die geringen oder gar keinen Berufsbezug haben, sondern unmittelbar der Lebensqualität und Selbstentfaltung dienen.


Das bessere Leben ist möglich, aber die Entfremdung ist wirklich

Es ist schon paradox, dass der technische Fortschritt, der die Lebensqualität der Menschen erhöhen könnte/ sollte, unter den gegebenen Produktionsverhältnissen eher das Gegenteil bewirkt: mehr Zukunftsangst, steigende Arbeitsplatzrisiken, verstärkte Ausrichtung der Lebensaktivitäten auf die rein materielle Existenzsicherung. Marx hatte solche Phänomene der Entfremdung zugerechnet, die in einem „Reich der Freiheit„ verschwinden würden. Die „ökonomische Entfremdung" (Samir Amin), die zeitweilig in den Hintergrund zu treten schien, hat seit Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit im Verlauf der seit Mitte der 1970er Jahre eingetretenen Akkumulationskrise wieder zugenommen. Ohne die Massenarbeitslosigkeit wäre es wohl nicht zu der inzwischen so hektisch geführten Debatte um lebenslanges Lernen gekommen, sondern die schon immer üblichen Wege der betrieblichen und außerbetrieblichen, der privaten und der staatlich initiierten Fort- und Weiterbildung hätten sich fortgesetzt, aber in ruhigerer Atmosphäre, mit mehr pädagogischem Augenmaß und mit der human gebotenen Rücksichtnahme auf Unterschiede der Lernfähigkeiten - seien jene des Lebensalters wegen oder aus anderen Gründen nicht ganz konkurrenzfest.

Es darf hierbei nicht übersehen werden, dass die Befähigung zur Weiterbildung bzw. generell zum lebenslangen Lernen selbst erst ausgebildet werden muss - während Kindheit und Jugend. Deshalb hat das allgemeine Bildungssystem, insbesondere die primären und sekundären Bildungsstufen, grundlegend Bedeutung auch für die späteren Fort- und Weiterbildungserfolge. In den USA beispielsweise ist der funktionale Analphabetismus mit 20,7 % der erwachsenen Bevölkerung erheblich höher als in anderen entwickelten Volkswirtschaften (Deutschland: 14,4%; Schweden: 7,5%). Die im gesellschaftlichen Durchschnitt relativ schlechte Allgemeinbildung in den USA korrespondiert mit dem dort sehr hohen Anteil von Beschäftigten ohne abgeschlossene Berufsausbildung (ca. 45 % aller US-Beschäftigten; Deutschland: 16 %).


Wie lang noch lebenslang?

Es kann hier nicht auf die Frage eingegangen werden, ob der Hochdruck, mit dem „lebenslanges Lernen" gefordert und propagiert wird, der Sache überhaupt angemessen ist. Ob es sich nicht nur um eine Übergangserscheinung des gegenwärtig in der Tat recht lebhaften Strukturwandels handelt, aber auf längere Sicht, nach Ende der Bergstrecke zwischen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft und des mit Blick auf die Umweltprobleme unvermeidlichen Übergangs zum „nachhaltigen Wirtschaften", wieder eine etwas verhaltenere Gangart eintritt, also jenes „lebenslange Lernen" wiederkehrt, wie wir es seit vielen Generationen kennen. Ganz sicher sind bestimmte Engpässe auf den Arbeitsmärkten für qualifizierte Fachkräfte keine Dauererscheinung. Es sei denn, das gesamte Bildungssystem würde unter dem Einfluss neoliberalistischer Ideologie völlig entdemokratisiert werden und ganz und gar den wirtschaftlichen Verwertungszwängen und der kurzsichtigen Ausbildungspolitik zum Opfer fallen. Trotz der restaurativen Tendenzen in der gegenwärtigen Entwicklungsphase des Kapitalismus ist zu erwarten, dass dieser Prozess eine historische Übergangserscheinung bildet. Mindestens zwei Faktoren sprechen für diese Erwartung: Erstens wird sich in dem Maße der Widerstand gegen die vorherrschenden inhumanen Tendenzen verstärken, in dem sich der Widerspruch zwischen kapitalistischer Lebensrealität und der technisch-ökonomisch möglichen Lebensqualität verschärft. Zweitens treiben der der kapitalistischen Entwicklung immanente Krisenmechanismus und der Raubbau an Umwelt und Naturschätzen auf ein Ausmaß an (globaler) Instabilität zu, die eine Rückkehr zu beschäftigungs- und sozialstaatlichen Interventionen provozieren wird.

Karl Georg Zinn ist Professor der Volkswirtschaftslehre an der RWTH in Aachen

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