Eigener Artikel:
Bilanz am Schuljahresende: Behler braucht Modellvorhaben für Neuausrichtung des Schulsystems
Trotz enormen Drucks seitens der Düsseldorfer Koalition (vor allem aus der SPD) auf die Schulen im Land hatten sich im November 2001 mal gerade gut 400 Schulen für die Option einer Teilnahme an dem 'Modellvorhaben Selbstständige Schule NRW' erwärmen können. Eine bereits damals klägliche und eigentlich hochnotpeinliche Resonanz auf eine Reform, die nur wenige Betroffene, dafür aber um so einflussreichere Interessengruppen und Polit-Akteure herbeisehnen.
Über die ausschlaggebenden Gründe für diese alles andere als berauschende Resonanz ist viel geschrieben und räsonniert worden. Den Befürwortern des Modellvorhabens war schnell klar, wo die Schuldigen für die fehlende Bereitschaft, sich auf diesen umfassende Glückseligkeit versprechenden Reformtrip zu begeben, auszumachen waren: Da war eine nicht mehr zukunftsfähige Lehrerschaft und eine nicht fortschrittsfähige GEW, die mal wieder alle guten Ansätze und Absichten ausbremsen wollte. Auf den Gedanken, kritischen Konsumenten ein schlechtes Produkt verkaufen zu wollen, war kaum jemand bereit zu kommen, geschweige denn sich diesen einzugestehen.
Offensichtlich war es Kalkül, der LehrerInnenschaft das Unterfangen mit euphemistisch durchsetzten Begriffen wie 'Selbstständigkeit', 'Qualitätsentwicklung' usw. im Innovatoren-Neusprech zu 'kommunizieren'. Bei aller Lametta-Terminologie war für die Betroffenen jedoch unschwer zu durchschauen, dass Selbstständigkeit a la 'Selbstständige Schule NRW' vor allem autokratische SchulleiterInnen am Gängelband der Evaluationskriteriensetzer bedeutet, sowie Abbau von jahrzehntelang bewährten Mitbestimmungsrechten, Personalvertretung extra-mega-light, Verlagerung (und Verantwortung) der Mängelverwaltung auf die Ebene der Schulen, inclusive enormer Mehrbelastung für die Kollegien ohne auch nur annähernde Entlastung. Es hat zudem sicherlich eine Rolle gespielt, dass dieses Vorhaben ausgerechnet von einer Ministerin befürwortet wurde, die nicht zu einer echten Entlastung der unter zunehmend schwieriger gewordenen Bedingungen arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer bereit ist, sondern ihnen noch zusätzliche Arbeit auferlegt (Stichwort 'Vorgriffsstunde'), unvermeidliche Kritik öffentlich als Ausdruck von Larmoyanz hinstellt und mit dem Bandbreitenmodell die Entsolidarisierung der Kollegien vorantreibt.
Viele erwarten vielleicht von einer Schulministerin auch, dass sie es als eine ihrer essentiellen Aufgabe betrachtet, den sensiblen Bereich von Schule, Bildung und Erziehung dem gültigen Demokratieverständnis entsprechend vor privater Einflussnahme zu schützen. Solchen Menschen kann sie nicht damit imponieren, dem Besitzer eines global agierenden Medienkonzerns, der Bertelsmann-Stiftung, die Federführung im Modellvorhaben zu überlassen. Noch ist die Akzeptanz eines vom Einfluss privater Interessengruppen freien Schulwesens hoch entwickelt; es bleibt allerdings nur begrenzte Hoffnung, ob dies angesichts der u. a. über direkte Steuergeschenke an die großen Aktiengesellschaften geleerten öffentlichen Kassen auch so bleiben wird, wenn die öffentlichen Schulen systematisch der materiellen Grundlagen beraubt werden, die zu ihrer Auftragserfüllung nötig sind. Die privaten Geldgeber stehen schon bereit, um sich über 'public-private-partnership' und 'Sponsoring' den Einfluss auf das Bildungswesen zu erkaufen.
Während in den letzten Wochen immer mehr anfänglich noch interessierte Schulen die Gelegenheit genutzt haben, dem Modellvorhaben den Rücken zu kehren, so dass gerade einmal 238 Schulen übrig geblieben sind, wird im MSWF die "Weiter so!"- Haltung fortgesetzt. Manchmal lugt sogar die Katze aus dem Sack heraus: Zum Modellvorhaben von der Rheinischen Post am 2. Juli 2002 befragt, sagte Frau Behler: "Wir richten die Schulen völlig neu aus." Dies hat wohl zweierlei zu bedeuten: zum einen heißt dies, dass die Zielsetzung so wichtig ist, dass sie nicht von so etwas Unwichtigem wie einer Teilnahmebereitschaft von Kollegien abhängt. Zum anderen bedeutest dieser Satz: Wer ausrichtet, weiß auch bereits von vornherein, wohin die Reise gehen soll. Darauf zu hoffen, ein denkbares Scheitern könne dazu beitragen, wieder zur Vernunft zurückk zu kehren, wäre naiv. Nein, die Ziele sind fest im Visier, die Richtung ist vorgegeben; es ist nur noch dafür zu sorgen, dass die Betroffenen nicht mehr dazwischen funken. Ist da die Äußerung der Ministerin in der MSWF-Pressemitteilung vom 17. 7. 2002 etwas anderes als eine Drohung, wenn es heißt: "Elemente des Projekts, die sich als besonders effektiv und schnell umsetzbar erweisen, werden schon während der Projektlaufzeit auf das gesamte Schulsystem übertragen". Man darf schon jetzt gespannt sein, was da alles hoch gejubelt werden wird. Einen Vorgeschmack liefert die MSWF-Pressemitteilung zum Projekt "Schule & Co." vom 15. 7. 2002. Von nichts weniger als "einer neuen Lernkultur" wird da geschwärmt. "Bilanz ... hervorragend", ein Superlativ jagt den nächsten, nein, scheitern darf und kann da nichts mehr. Vielleicht auch deshalb nicht, weil Personen wie Hans-Günter Rolff, die seinerzeit in der Rau-Kommission die jetzigen Reformprojekte angedacht haben, zu den maßgeblichen Evaluatoren zählen. Kann man von solchen Leuten erwarten, die Umsetzbarkeit der eigenen Ideen und Ziele negativ zu evaluieren? Nein, von da dürfte nichts mehr anbrennen.
Mit einer weiteren Aussage bestätigt Frau Behler alle Befürchtungen derjenigen, die das Modellvorhaben und die derzeitige Bildungs- und Hochschulpolitik des MSWF als Schritt in die Privatisierung des Schul- und Hochschulwesens, was ja den Ausschluss der nicht Zahlungsfähigen bedeutet, interpretiert haben: "Bildung ist kein Gut, das von der Wiege bis zur Bahre gratis angeboten werden kann." Solche Aussagen sind es, die uns zeigen, was wir von sozialdemokratischer Politik im Bildungsbereich zu erwarten haben. Angeblich werden Bundestagswahlen an Rhein und Ruhr entschieden - warten wir es ab.
Bei all dem sich schier überschlagenden Reformeifer sind wir Lehrerinnen und Lehrer weiterhin gut beraten, alles was aus dem Hause Behler kommt, mehr noch als früher einer besonders kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei ist es gar nicht hilfreich, wenn wir uns in Folge der PISA-Interpretationen ein schlechtes Gewissen leisten, weil einige nicht müde werden, uns mehr oder weniger direkt für das Abschneiden bei diesem 'Leistungs'-Vergleich verantwortlich zu machen. Wir Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass für schlechte Unterrichtsqualität die Ursachen woanders hausgemacht sind: nämlich bei unzureichender Lehrerversorgung, schlechter Ausstattung der Schulen, viel zu vielen großen Klassen und nicht zuletzt einer permanent quantitativ wie qualitativ gestiegenen Arbeitsbelastung. Da ist es schon mehr als paradox, wenn den Schulen künftig noch mehr unterrichtsfremde Tätigkeiten wie Personal- und Sachmittelbewirtschaftung, Rechenschaftslegung, Evaluations- und Testorgien abverlangt werden.
In diesem Zusammenhang ist es daher nicht unwichtig, wenn wir arbeitszeitrechtlichen Bestimmungen eine hohe Aufmerksamkeit schenken. Angesichts immer häufiger zu vernehmender Vorstellungen, wonach Lehrkräfte gefälligst ganztags in der Schule anwesend zu sein hätten, dürften da vor allem jüngste Urteile der Arbeitsgerichte von Interesse sein.
Jetzt sind aber erst einmal einige Wochen unterrichtsfreie Zeit angesagt, die uns hoffentlich Erholung, neue Kraft und viel Angenehmes bescheren werden. In diesem Sinne: bis Ende August!
Allen Leserinnen und Lesern dieser Seiten ein herzliches Dankeschön für die zahlreichen Kommentare, Anregungen und wertvollen Hinweise!
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