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Auch GEW-KollegInnen aus Hamburg haben sich in Schweden etwas umgeschaut; ihre Eindrücke lesen sich im Gegensatz zu anderen Reiseerlebnissen der vergangenen Wochen allerdings etwas weniger euphorisch. Vor allem für die Beschäftigten scheint sich einiges in negativer Richtung verändert zu haben.



Schweden

Mühsal der Gewerkschaftsarbeit
Ein Besuch bei Lärarnas Riksförbund.

Das Gebäude des schwedischen Gegenstücks zur GEW, Lärarnas Riksförbund - oder einfach LR - liegt mitten in Stockholms Innenstadt, im Sveavägen. Das LR-Haus aus der Gründerzeit könnte auch der Verwaltungssitz eines mittelgroßen Betriebes sein - wenn auch eines Betriebes, der nicht viel Aufhebens von sich machen will.

Dabei ist LR mit ihren gut 75.000 Mitgliedern durchaus eine gewichtige Organisation, die nicht nur in allen Städten und Gemeinden Schwedens, sondern auch in den Medien präsent ist und die zu der Zeit, als wir unseren Besuch abstatten, gerade im Begriff ist, mit dem Gemeindeverband - dem Zusammenschluss der 289 Gemeinden - einen historischen Tarifvertrag abzuschließen. Allerdings ist gerade diese historische Qualität durchaus ambivalent, wie wir im Laufe unseres Besuchs erfahren. Die Lehrergewerkschaften Schwedens sind einerseits insofern zentralistisch, als sie ausnahmslos mit ihrem Hauptsitz in Stockholm organisiert sind. Dies entspricht der politischen Struktur des Landes. Andererseits sind sie aber berufsständisch in vier Organisationen gegliedert, TCO (Tjänstemännens Central Organisation) für das »nichtpädagogische Personal«, Tagesmütter und ErzieherInnen in Kindergärten, Lärarförbundet für VorschullehrerInnen, SozialpädagogInnen und Kuratoren, LR für LehrerInnen an der neunjährigen Grundschule und SACO (Sveriges Akademiker Central Organisation). Alle vier Verbände sind unter dem Gewerkschaftsdachverband LO (Landesorganisationen) zusammengefasst.

Wir werden von Lars Hallenberg, dem LR-Leiter der laufenden Tarifverhandlungen, und von Sonja Åström, der stellvertretenden Vorsitzenden, freundlich begrüßt, in einen geräumigen Konferenzraum geführt und mit dem in Schweden obligatorischen Kaffee versorgt. Nach einer ausführlichen Darstellung des schwedischen Schulsystems und einer sehr kritischen Einschätzung der Privatisierungstendenzen kommt das Gespräch auf die Situation der Lehrergewerkschaft.

Zum Schuljahresbeginn 2000 lief der laufende Tarifvertrag zwischen den Lehrergewerkschaften und dem Gemeindeverband als Zusammenschluss der Arbeitgeber aus. Bereits im Frühjahr 2000 wurde der LR-Mitgliedschaft ein Tarifergebnis unterbreitet, das einen Sturm der Empörung auslöste. Der neue Vertrag sollte eine Laufzeit von fünf Jahren haben. In diesem Zeitraum sollten die Gehälter um 20% steigen - allerdings nur 10,5% davon garantiert in den ersten beiden Jahren und der Rest danach offen verteilt werden, z.B. geknüpft an »Effektivität«.

Da die Lohnerhöhung keine Garantie für jede individuelle KollegIn darstellen sollte, sondern nur auf die kommunale Lehrerschaft insgesamt bezogen war und außerdem die Verknüpfung der Lehrerarbeitszeit an die Unterrichtsverpflichtung aufgehoben werden sollte, sah die überwältigende Mehrheit der KollegInnen mit einem solchen Tarifabschluss die Gefahr der weiteren Individualisierung der Gehälter und des Verlustes der Obergrenze für ihre Wochenstundenzahl - und lehnten mit rund 80% den Vorschlag ab. Der Vorsitzende Tomas Johansson trat auf den offenkundig gewordenen Vertrauensverlust hin mit Teilen des verantwortlichen Vorstandes zurück. Die neugewählte Metta Fjelkner trat in neue Verhandlungen ein, die im Dezember 2000 abgeschlossen wurden. Die KollegInnen, die nun erwartet hatten, dass die Krise im LR damit abgeschlossen sein würde, sahen sich getäuscht.

Die neuen Ergebnisse waren nach Ansicht von Kritikern schlechter als die zuvor abgelehnten: nunmehr sind lediglich Erhöhungen von 6% garantiert. Die Verknüpfung an Effektivität ist nicht geklärt, Faktorisierung wurde »fünf vor zwölf« außen vor gelassen, ärmere Gemeinden werden die Erhöhungen nicht bezahlen können, ein messbares Endergebnis in Höhe von 20% nach fünf Jahren wird weithin in Frage gestellt - und das Ergebnis soll nicht abgestimmt werden. Erst jetzt wird vielen das volle Ausmaß der Katastrophe sichtbar, das die Kommunalisierung für die Gewerkschaft darstellt: An sie ist nicht nur die traumatische Erinnerung an den verlorenen Streik von 1991 geknüpft, sondern mit ihr folgte auch der Verlust des einheitlichen Tarifpartners. »Der Gemeindeverband stellt sich immer mehr als ein Gespenst heraus«, erklärt Sonja Åström, »uns bleibt nichts anderes übrig, als in jeder Gemeinde einzeln zu verhandeln.« Mit ungeheurem Aufwand versuchte die LR-Zentrale, die lokalen GewerkschaftsvertreterInnen so zu schulen, dass sie sich in den dezentralen Tarifabsprachen behaupten konnten.

Etwas erschöpft genießen wir gemeinsam einen köstlichen Lunch mit gebratener Lachsforelle, Apfel-Sahne-Meerettich und Dillkartoffeln. Erst in den kleinen Gesprächsrunden beim Essen und später unter uns schält sich die Erkenntnis heraus, wie problematisch die Situation der Lehrergewerkschaft LR ist. Zum Beispiel wurde eine Internetadresse beim LR für den offenen Meinungsaustausch - åsiktstorget, zu Deutsch etwa der »Meinungsmarkt« - geschlossen, weil befürchtet wurde, dass sich dort eine innergewerkschaftliche Opposition formieren könnte. Die Situation wird offensichtlich als so kritisch betrachtet, dass selbst die offene Debatte bedrohlich wirkt.

Uli Ludwig
Gina Schmid

Quelle: GEW-Hamburg


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