Ein weiterer Artikel unserer KollegInnen aus Hamburg:
Schweden
Umbau oder Abriss?
Zwei neue Entwicklungen prägen vermehrt das skandinavische Schulwesen
Wie es weiter geht? Das kann hier keiner sagen ...« meint Lars Hallenberg von der LR und die Satzmelodie geht auf diese typisch schwedische singende Art etwas nach oben und bleibt in der Luft hängen. Wie bei den meisten KollegInnen, mit denen wir sprechen, wird in dem unvollendeten Satz des Gewerkschaftssekretärs eine Verunsicherung spürbar, wenn es um »Kommunalisierung« und »Privatisierung« geht.
Kommunalisierung - aus eins mach 289
Bis 1990 lagen Lehrpläne, Stundentafeln, die Sicherung der Ausstattung und die Lehrerversorgung an Schulen in der alleinigen Verantwortung des Staates. Die staatliche Steuerung entsprach dem Verständnis von der nationalen Aufgabe, in den Schulen die geographische Integration, den Ausgleich zwischen armen und reichen Regionen zu realisieren. Der heutige Ministerpräsident und damalige Bildungsminister Göran Persson gewann die sozialdemokratische Partei für eine Kommunalisierung, die Verabschiedung der Gesetzesänderungen wurden gegen den Willen der LR und anderer Kritiker auf den Weg gebracht und die Konfrontation mündete in einem sechswöchigen, politischen Lehrerstreik.
Der LR kämpfte dabei sowohl gegen die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse als auch gegen den befürchteten Zerfall der Einheitsschule. Mit der Verabschiedung des Gesetzes wurde der Streik abgeblasen. Die Niederlage erfolgte nicht zuletzt deshalb, weil die anderen Gewerkschaften, in denen das übrige Schulpersonal organisiert ist, nicht mitzogen: Viele KollegInnen in den Klassen 1 bis 6, ErzieherInnen, Vorschul- und SozialpädagogInnen und SchulpsychologInnen - durch Lärarförbundet vertreten - waren bereits kommunale Angestellte. So wurden die 289 Kommunen Schwedens - ob im Stockholmer Speckgürtel oder im dünnbesiedelten Norden, ob mit prosperierenden Betrieben oder mit niedergehenden Industriezweigen - die neuen Träger der Schulen. Dass die Kritiker in vielen Punkten Recht behalten haben, ist heute, rund zehn Jahre nach der Kommunalisierung, kaum noch umstritten.
Die staatlichen Ausgleichsbeträge für die neuen Aufgaben der Kommunen reichen inzwischen bei weitem nicht mehr aus und müssen mit dem, was die Gemeinde aufbringen kann, aufgestockt werden und eben das unterscheidet sich regional erheblich. Es gibt inzwischen aber nicht nur erhebliche Ausstattungsunterschiede zwischen Schulen armer und reicher Kommunen, sondern auch die Bezahlung der LehrerInnen driftet je nach Alter, Unterrichtsfächern und Flexibilität auseinander. Eine junge Kollegin mit Kompetenz in Mangelfächern, die sich jetzt in einer reichen Gemeinde bewirbt, kann ein bis zu 50 % höheres Gehalt aushandeln als eine ältere Kollegin in einer armen Gemeinde! Und Unmut über Missstände im Schulwesen fallen nun nicht mehr auf die Regierung zurück, der Prellbock ist jetzt jede einzelne Kommune. Weder die einzelne KollegIn noch die LR-Gewerkschaft vermag heute abzusehen, wohin diese Entwicklung führen wird. Trotz eines wachsenden Problemdrucks gibt es keine politische Gegenbewegung. Schulen und Lehrerschaft teilen sich in Gewinner und Verlierer auf.
Privatisierung
Der zweite Bereich der radikalen Veränderung liegt in der schnell wachsenden Zahl der »friskolor«, der »Freien Schulen«. Unter der konservativen Regierung von Carl Bildt wurde die Gründung von Schulen unter privater Trägerschaft ermöglicht und nach Wiederantritt der Sozialdemokraten nicht grundsätzlich wieder zurückgenommen. Die Schulen erhalten den gleichen Kopfsatz an Geld wie die kommunale Schule (das sogenannte skolpeng) und immer häufiger werden friskolor von Betrieben und Gemeinden gemeinsam betrieben. Friskolor sind kein Großstadtphänomen mehr, Anträge von Schulen aus dem ganzen Land gehen bei skolverket, der letzten zentralen staatlichen Behörde ein. Als wir in Schweden ankommen, besuchen bereits 14.000 (etwa 4,4 %) schwedische SchülerInnen der 9. bis 12. Klasse eine friskola, 87 neue Anträge sind bereits bewilligt worden.
Die Entwicklung findet eine freundliche Begleitung und Förderung durch ein staatliches Komitee, das nicht im Wege stehen will, wenn Schulen als gewinnbringendes Gewerbe gestaltet werden, sondern sich lediglich als Prüforgan für die betrieblichen Abrechnungen versteht. Es ist den friskolor nach wie vor untersagt ein Schulgeld zu erheben, aber über Institutionen wie Schulvereine ist eine finanzielle Unterstützung heute schon gang und gäbe. Die in die Schulträgerschaft hineindrängenden Betriebe erhoffen sich durchaus einen Gewinn, sowohl für ihr Image als auch ganz konkret in Form von Profit. Dazu kommt die Möglichkeit, zumindest Teile der Schülerschaft zielgenau auf den betrieblichen Qualifikationsbedarf hin auszubilden. So manches Elternhaus sucht einerseits die verbesserte Einstellungschance für die Jugendlichen und andererseits auch den Abstand zu den gesellschaftlichen Verlierern der Modernisierungsprozesse.
Da die Schulen - nicht zuletzt wegen des starken Andrangs - sich ihre SchülerInnen aussuchen können und nicht verpflichtet sind, kompensatorische Leistungen für besondere pädagogische Bedarfe anzubieten, zeichnet sich bereits heute eine klare soziale Segregation ab: kommunale Schulen mit mancherorts abnehmendem Ausstattungsstandard für Kinder aus tendenziell ärmeren und »bildungsfernen« Familien und private Schulen für Wohlhabende. Es ist nicht abzusehen, wohn die Reise gehen wird: Abriss oder Umbau der schwedischen Einheitsschule? Wir hörten sehr unterschiedliche Antworten auf diese Frage.
Uli Ludwig
Gina Schmid
Quelle: GEW-Hamburg
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