Süddeutsche Zeitung, 4. 12. 2001
Das Elend der Bildung
Leitartikel
VON THOMAS STEINFELD
(Auszug)
"Deutschland und die Bildung – das ist ein Kapitel aus der Psychopathologie des Alltagslebens: das absurde Schauspiel einer Nation, die sich mit unendlicher Leidenschaft und Ausdauer mit ihren Bildungsmängeln beschäftigt, ohne sie auch nur im Ansatz zu beheben.
Dazu müsste man erst einmal wissen wollen, was Bildung ist. Das tut schon die Studie „Pisa“ nicht, wenn sie die „Lesefähigkeit“, also eine elementare Kulturtechnik, neben Kenntnisse in den Naturwissenschaften stellt – die auch in anderen Ländern erst von der siebten oder achten Klasse an unterrichtet werden. Aus der Bildung aber wird in Deutschland nichts mehr, weil sie von vornherein unter der Prämisse der Zensur behandelt wird, und zwar von den Eltern, die ihren Kindern die „Chancen“ vorrechnen, ebenso wie von den Politikern, für die Bildung zu den Standortvorteilen rechnet.
Dabei weiß jeder, dass ein Wissen, das man sich für eine Klassenarbeit angeeignet hat, am Tag danach vergessen ist. Es wird zum Zweck des Wettbewerbs geschaffen und erlischt damit – was auch erklärt, warum die sozialen Unterschiede im deutschen Bildungswesen immer größer werden. Denn Nachhilfe und Hausaufgabenkontrolle sind an bessere Verhältnisse gebunden. Man kann das auch anders sagen: Jeder Versuch, die Krise der Bildung in Deutschland zu beheben, läuft gegenwärtig auf die Verschärfung eben dieser Krise hinaus. Die Nation gleicht einem dicken Mann, der einen Diät-Ratgeber nach dem anderen kauft und doch immer fetter wird.
Noch einen Grund gibt es, warum es Bildung in Deutschland so schwer hat: Das Verhältnis zwischen intellektuellem Aufwand und beruflichem Ertrag ist zerstört. Damit aber ist die Voraussetzung für ein freies Interesse an Bildung, die technische und naturwissenschaftliche wie die philosophische und die künstlerische eingeschlossen, verloren. Und es wird auch gar nicht mehr ernst genommen: Die gymnasiale Allgemeinbildung wurde gesprengt, weil jedes freie Interesse durch das Mandat der „Nachfrage“ ersetzt wurde. Die Universität muss sich seit vielen Jahren damit abfinden, als ein Parkhafen der Verschönerung der Statistiken zur Arbeitslosigkeit zu dienen. Keiner hat darüber nachgedacht, welche Enttäuschung es für einen jungen Historiker oder Philosophen bedeuten muss, zwischen Rentnern zu sitzen – die ihm so demonstrieren, dass sich das Fach, auf das er seinen Lebensberuf gründen will, allenfalls zu später Muße eignet.
Die Psychologie lehrt, dass man sich vom hysterisch aufgespreizten Elend zum banalen Unglück vorarbeiten muss, um dagegen angehen zu können. Was die Bildung betrifft, lebt Deutschland noch in der ersten Phase. Linderung wird es erst geben, wenn die Trivialität des Problems erkannt wird: Man kann Bildungsinstitutionen zwar marktwirtschaftlich organisieren. Der innere Motor der Bildung, das Schwungrad aus Erkenntnis und Interesse, lässt sich indes nur bedingt mit dem Kraftstoff des Wettbewerbs betreiben. Die Voraussetzungen dafür sind, wie jede gelungene Bildung zeigt, nicht marktwirtschaftlich, sondern nur lebensweltlich zu schaffen. In den obsessiven Wissensspielen der Nation wird das geahnt. Es wäre die Aufgabe der Politik, aus dem Spiel Ernst werden zu lassen."
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